Hipp und arm in Berlin: Pfarrerin Martina Steffen-Eliş berichtet von der Armut im Kiez

Hipp und arm in Berlin: Pfarrerin Martina Steffen-Eliş berichtet von der Armut im Kiez

Hipp und arm in Berlin: Pfarrerin Martina Steffen-Eliş berichtet von der Armut im Kiez

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Hipp und arm in Berlin: Pfarrerin Martina Steffen-Eliş berichtet von der Armut im Kiez

Martina Steffen-Eliş ist Pfarrerin im „hippen“ Akazienkiez. Sie erzählt, wie und wo ihr Armut im Alltag begegnet

Ich erlebe im Akazienkiez in den letzten Jahren immer mehr, wie Mieten steigen, Verdrängung und Gentrifizierung stattfindet, Familien wegziehen und die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinandergeht. Unterscheiden würde ich dabei zwischen „offensichtlicher“ Armut und „versteckter“ Armut.
Die Zahl der obdachlosen Menschen, oft mit Sucht- oder psychischen Erkrankungen, die im Sommer auf den Bänken rund um die Apostel-Paulus-Kirche nächtigen und jetzt ab Herbst bei uns in der Kirche sind, hat extrem zugenommen. Wir halten täglich zwischen 12 und 18 Uhr unsere Kirche als Wärmeraum geöffnet ist, bieten Schutz vor der Witterung. Viele Menschen, die zu uns kommen, schlafen stundenlang auf der harten Kirchenbank.

In der Kirche treffen sie dabei auf Rentnerinnen - denn Altersarmut trifft vor allem Frauen - aus dem Kiez, die sich aufwärmen, weil sie sich mit ihrer kleinen Rente lieber Lebensmittel kaufen, statt ihr Zimmer zu heizen. Mit den Ehrenamtlichen in der Offenen Kirche trauen sie sich oft das erste Mal darüber zu sprechen, dass die Armut sie einsam macht. Sie schämen sich, ihre Armut zu zeigen und ziehen sich immer mehr aus dem gesellschaftlichen Leben zurück. Kunst und Kultur sind für sie unbezahlbar, deshalb genießen sie die Marktmusik mit Segen am Donnerstag um 12 Uhr oder die Konzerte bei freiem Eintritt am Wochenende in unserer Kirche in ganz besonderer Weise.

In die wöchentliche Pfarrsprechstunde in der Kirche kommen zunehmend Familien oder Alleinerziehende, die am Monatsende kein Geld mehr für Lebensmittel haben und nach unbürokratischer Hilfe fragen. Oft kann ich nur an die Ausgabestellen von Leib und Seele in den Nachbargemeinden verweisen oder in begründeten Einzelfällen diakonische Mittel vergeben.

Beim Erwachsenentaufgespräch erzählt mir die junge Frau, die in einem Coworking-Space am Empfang arbeitet, dass sie mehr als die Hälfte ihres Einkommens für ein Zimmer im Kiez bezahlt; in der Sechs-Zimmer-Wohnung sind die einzelnen Zimmer für eine horrende Miete an sechs Frauen vermietet, die alle im Niedriglohnbereich arbeiten – da bereichert sich ein Vermieter an der fast hoffnungslosen Wohnungssuche vieler.
Beim Kaffeetrinken im Kiez erzählt mir die Besitzerin von ihren Existenzängsten aufgrund der extrem hohen Gewerbemiete im Kiez. Oft treten bei solchen Gesprächen Überforderung und psychische Belastungen hervor, die eng mit materieller Armut verknüpft sind.

Beim Einkaufen sehe ich in den Geschäften im Kiez Rentner*innen, die an der Kasse sitzen, die Regale auffüllen oder in den Cafés beim Services unterstützen. Und auf dem Heimweg treffe ich immer mehr ältere Menschen beim Flaschen sammeln.
Als ich 2018 als Pfarrerin in die Apostel-Paulus-Gemeinde gekommen bin, hätte ich nicht erwartet, dass sich der Akazienkiez so stark verändert und ich unzählige solcher Beispiele erzählen kann.
Pfarrerin Martina Steffen-Eliş

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